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Karl Ludwig Bayer, Rede vor Studenten in der Rheinhalle Rüdesheim

Karl Ludwig Bayer, Herausgeber der EPOCHE, Rede auf gemeinsamen Veranstaltungen mit dem Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS)

Washington, Wien und Rom – Konservative in der Offensive

Ideen von heute sind Taten von morgen – Freiheit statt Gleichheit

Christliche Grundlagen des europäischen Freiheitsbegriffs

    Das Rauschen im Blätterwald gegen den Mitte-Rechts-Schwenk in Rom – ähnlich wie im Jahr 2000 die Aufregung über den Machtverlust der Sozialdemokraten in Wien – läßt an eine Äußerung von Manfred Bissinger nach der Bundestagswahl 1998 denken. Bissinger, der gerne Gerhard Schröders Pressechef geworden wäre, warnte seine Genossen vor Selbstüberschätzung. Es gebe, so stellte er fest, in Deutschland eine strukturelle nichtlinke Mehrheit. Richtig! Die Mehrheit der Deutschen sieht sich selbst in der politischen Mitte oder rechts davon. Wenn Linke regieren wollen, müssen sie im Kostüm einer »neuen Mitte« in Szene treten, die Kampfgruppe Lafontaine in der Kulisse verstecken und einen parteifreien Wirtschaftsminister auf die Bühne schicken.

    Auch wenn sie auf den Denkschienen der Spaßgesellschaft – nach dem Motto »Schein statt Sein« oder besser »Der Schein bestimmt das Bewußtsein« – gekonnte Medieninszenierungen abliefern, um nichtlinke Wähler in ihr »Neue-Mitte«-Boot zu ziehen, so bleiben doch grundsätzliche Unterschiede zwischen den Lagern bestehen, die vor allem dann sichtbar werden, wenn es um die Konsequenzen von Ideen geht. Werfen wir einen Blick auf meßbare Auswirkungen von Wertebewußtsein und von Wertedefiziten. Der weit verbreitete Mißbrauch unserer Sozialsysteme, der den Wohlfahrtsstaat immer unbezahlbarer macht, steht in einem engen Zusammenhang zur Leistungsfeindlichkeit vieler Menschen, anders ausgedrückt: zur fehlenden Wertschätzung von Arbeit und Leistung. Dies führt zur Leistungsminderung in der gesamten Volkswirtschaft – zum Schaden aller. Wer viel leistet, wird viel zu hoch besteuert, um damit die Wohltaten des Sozialstaats für jene finanzieren zu können, die kassieren, ohne zu leisten. Und trotz hoher Erwerbslosigkeit im Inland müssen Arbeitskräfte aus dem Ausland geholt werden.

   Helmut Schoeck, ein konservativer Denker, der bis zu seinem Tod an der Universität Mainz lehrte und der EPOCHE als Autor eng verbunden war, beschrieb die ideologische Begleitmusik dieses Phänomens: »So wirkt sich die Politik jener aus, die auf Nivellierung hinarbeiten, um sich einer utopischen Gleichheit aller wenigstens schrittweise zu nähern. Utopien, die eine Gesellschaft herbeiführen wollen, in der es kaum mehr Unterschiede ... gibt, sind bereit, Leistungsverluste in Wirtschaft, Wissenschaft und freiberuflichem Leistungsangebot hinzunehmen – wenn nur das Ideal der Gleichheit damit angestrebt wird. In diesem Fall ist der Neid, der sich als allgemeine Nivellierungspolitik in Form stark progressiver Einkommensteuern institutionalisiert, mitverantwortlich für eine unzulängliche Ausschöpfung des Potentials einer Bevölkerung und ihrer Begabungen

    Helmut Schoeck hat seine Forschungsergebnisse in dem Satz »Neid als Politik ist Sozialismus« zusammengefaßt. Er führte den Nachweis, daß der Enteignungscharakter stark progressiver Steuern seine Wurzeln in der politischen Psychologie und nicht in der Wirtschaftswissenschaft findet. Bestrafung von Leistung hat ideologische Ursachen. Volkswirtschaftlich gesehen ist sie unsinnig. Mehr Gleichheit führt zwangsläufig zu weniger Leistung – zum Schaden aller. Nur wenn sich Leistung lohnt, sind wir auf dem Weg zum »Wohlstand für alle«, wie der Titel eines programmatischen Buches von Ludwig Erhard hieß. Freiheit statt Sozialismus – das war bekanntlich eine Wahlkampfdevise der Unionsparteien. Sie hat nichts von ihrer Richtigkeit verloren, wenngleich heute »Freiheit statt Kollektivismus« oder »Freiheit statt Egalitarismus« – kurz »Freiheit statt Gleichheit« – besser in die nach-sowjetische Landschaft passen. 

    Die Macht der Ideen hat Schoeck stets fasziniert – ganz im Sinne der Einsicht von Thomas Mann: »Die Bücher von heute sind die Taten von morgen.« Und er verbreitete seine Ideen nicht nur in Europa, sondern auch in jenem Land, das heute die einzige Weltmacht ist: in den Vereinigten Staaten von Amerika. Schoeck unterstützte dort 1964 die Präsidentschaftskandidatur von Barry Goldwater und gehörte damit zu den Gründervätern der Conservative Movement in den USA – einer Gedankenschmiede, die in der Republikanischen Partei zu politischer Wirksamkeit gelangte. Der Name Helmut Schoeck steht für die enge Verbindung und die Wechselbeziehung von Konservativen in Europa und Nordamerika.

    Ein anderer geistiger Brückenbauer über den Atlantik war Friedrich August von Hayek, auf den sich Ronald Reagan berief. Hayek lehrte in den USA, in Österreich, in Großbritannien und zuletzt in Deutschland. Posthum wurde er vor zwei Jahren in England zum »Mann des Jahrhunderts« gekürt, was darauf schließen läßt, daß selbst die britischen Konservativen bereit sind, Ideen von Kontinentaleuropäern aufzunehmen und umzusetzen. Beim Wort »umsetzen« denke ich vor allem an Margaret Thatcher, die ihre Handtasche wie eine Abrißbirne drohend zu schwenken pflegte. Der das Land lähmende britische Sozialismus wurde von ihr mit erstaunlicher Geschwindigkeit niedergerissen. Die Veränderung war so nachhaltig, daß selbst Tony Blair heute eine Politik betreibt, die mit der von Margaret Thatcher mehr übereinstimmt als mit dem kollektivistischen Versorgungsstaat-Denken früherer Labour-Regierungen. Die »neue Mitte« läßt grüßen.

    Ein anderer Ideengeber des »Thatcherismus« war der aus Ungarn stammende und von der Queen geadelte Konservative Lord Peter T. Bauer, der heute als angesehener emeritierter Professor der London School of Economics in der britischen Hauptstadt lebt. Ich habe ihn zuletzt vor zwei Jahren besucht. In der englischen Presse war er als »Graue Eminenz« und einmal sogar als »die Zähne der Margaret Thatcher« bezeichnet worden. Er hat stets die Ineffizienz der Entwicklungshilfe kritisiert und nachgewiesen, daß geschenktes Geld und Gratis-Warenlieferungen an Länder der Dritten Welt oft kontraproduktive Wirkungen entfalten, weil sie den Leistungswillen der Menschen dämpfen und von vielen geradezu als »Erfolgsprämie für Mißwirtschaft« empfunden werden. Lord Bauer publiziert unter anderem in drei konservativen Zeitschriften: Commentary in den USA, The Spectator in Großbritannien und Epoche in Deutschland.

    Bei Lord Peter Bauer, Helmut Schoeck und anderen konservativen Autoren fällt ins Auge, daß sie ein illusionsloses und ideologiefreies realistisches Menschenbild zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen machen. Nicht dem Traum oder Albtraum von einem »neuen Menschen« nachzujagen, sondern den realen Menschen zu bejahen – die Schöpfung zu bewahren –, ist ein Merkmal konservativen Denkens. Es geht um das Erkennen anthropologischer Konstanten – um Grundlagen des Menschseins –, um Wesenszüge des Lebens, um das Menschenbild. So sieht es auch der in Andechs lebende Anthropologe und Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Er befaßt sich unter anderem mit der Vereinbarkeit der verschiedenen Wirtschaftssysteme und Gesellschaftsordnungen mit der Natur des Menschen. Als führender Humanethologe weist er auf Grundmuster menschlichen Verhaltens hin, die erklären, warum sozialistische Experimente regelmäßig zu jämmerlichen Resultaten führen: »Konkurrenz führt zu Innovationen, spornt aber auch zur Maximierung an. Die Risikobereitschaft ist sicher eine Voraussetzung für den Erfolg. ... Im Menschen wird sich die Evolution erstmals ihrer selbst bewußt. Das Individuum zählt und möchte daher sein eigenes und anderer Menschen Leid planend verhindern. Krisen, die auf eine überhitzte Konjunktur folgen, ängstigen den Menschen zu Recht, und er bemüht sich darum, planend die Amplitudenausschläge zu verringern. Im Extrem ist dies in den Zentralverwaltungswirtschaften der Fall. Risiken, denen die freie Marktwirtschaft ausgesetzt ist, sucht man durch Vorausplanung zu vermeiden. Aber ohne Risiko dürfte es auf die Dauer keinen Erfolg geben. Und die weitgehende Ausschaltung des Ertrages aus eigener Leistung nimmt dem Individuum den Ansporn, über Eigeninitiative voranzustreben. Das bremst Innovationen

    Wer nach den grundsätzlichen Positionen von Konservativen und Linken fragt – wer die tiefgehendsten Unterschiede herausarbeiten will – der kommt immer wieder auf das zentrale Thema: den Menschen und seine Freiheit. Ihr Bild vom Menschen – ihr Respekt vor seiner Würde und Integrität – bestimmt letztlich, wie die Politiker in den verschiedenen Staaten und Systemen mit ihrer Macht umgehen; ihr Wertebewußtsein setzt sich in politisches Handeln um. Ideologen neigen zu simplifizierenden Welterklärungsmodellen: Dem vermeintlichen Erkennen einer – oder weniger – Ursachen politischer Abläufe entspringen griffige Formeln zur vermeintlichen Weltverbesserung, mit denen sich Anhänger motivieren, ja fanatisieren lassen. Der fanatische Ideologe nimmt schließlich in Kauf, daß im Namen einer papierenen irdischen Paradiesverheißung die lebendige Gegenwart zur Hölle gemacht wird. Sieben Jahrzehnte Kommunismus bieten dafür reichlich Anschauungsbeispiele. Der polnische Satiriker Stanislaw Lem artikulierte den Galgenhumor der Unterdrückten: »Die Tragik des 20. Jahrhunderts liegt darin, daß es nicht gelang, die Theorie von Karl Marx zuerst an Mäusen zu erproben.«

    Charakteristisch für das Wunschdenken linker Ideologen sind Fehldeutungen der Geschichte wie beispielsweise die Gleichsetzung der Französischen Revolution mit der sogenannten American Revolution. Letztere war der Kampf der 13 amerikanischen Kolonien um Unabhängigkeit und zugleich ein Kampf um die Durchsetzung von naturrechtlich begründeten Freiheitsrechten des Einzelnen. Die Würde des Menschen – »given by God« – spielte im Denken der Gründerväter der Vereinigten Staaten eine zentrale Rolle. Mit der Französischen Revolution läßt sich dies nicht auf eine Stufe stellen. Die American Revolution hat mit der sogenannten Grande Révolution in Paris nur die Proklamation der Republik und der Volkssouveränität gemeinsam. Ansonsten überwiegen die Unterschiede. George Washington und Maximilien Robespierre repräsentieren Gegensätze, wie sie größer kaum denkbar sind. Die Französische Revolution schuf sich ihre eigenen Götter. Robespierre und seine marxistischen Nachfahren respektierten niemandes Würde, weil in ihrem ideologischen Denken die Vision von einem erst noch zu schaffenden »neuen Menschen« Vorrang hatte gegenüber den Rechten und dem Wohlergehen des konkreten, realen Menschen.

    Den radikalen Revolutionären galt die Guillotine als »Rasiermesser der Nation«. Und die Leninisten entschuldigten die Bestialitäten ihres Systems mit der blutig-magischen Vorstellung, der Prachtbau des Glückes künftiger Generationen werde »auf den Schädelstätten der Gegenwart errichtet«. Lenin sprach von »Hunden und Schweinen der sterbenden Bourgeoisie«, von denen die russische Erde gesäubert werden müsse, von »schädlichen Insekten«, die es zu vertilgen gelte. Er und seine Nachfolger schritten mit der gleichen Gründlichkeit zur Tat wie später Hitler, als er Menschen zu »Ratten« stempelte und vernichtete. Die Ähnlichkeiten sind unverkennbar, werden aber von der vorherrschenden Richtung in den deutschen Massenmedien ignoriert oder geleugnet.

    Arthur Koestler sprach einmal, im Rückblick auf seine eigenen kommunistischen Jugendsünden, von der faszinierenden »Überlegenheit einer perfekten Idee gegenüber der unvollkommenen Wirklichkeit«. An dieser Stelle offenbart sich der entscheidende Unterschied im Denken, der Welten trennt. Der Konservative bejaht den Grundriß der realen Welt, er ist mit der Schöpfung im Prinzip einverstanden und maßt sich nicht an, sie neu zu konstruieren – während der linke Revolutionär sie im Namen einer vermeintlich perfekten Idee total umbauen will. Subjektiv mag er glauben, die Welt damit zu verbessern, objektiv verstümmelt er sie – weil sein Zukunftsentwurf in Widerspruch zu unaufhebbaren Daseinsgesetzen steht, weil er bloß das »Prinzip Hoffnung« beschwört und darüber das »Prinzip Erfahrung« vergißt. Das rächt sich. An der Festung Mensch zerschellte denn auch der kühne Anspruch der Marxisten-Leninisten, eine neue Welt mit »neuen Menschen« zu errichten. Alle Opfer waren umsonst, die im Namen eines weltfremden und darum menschenfeindlichen Zieles den Völkern abverlangt wurden.

    Die Angelsachsen haben sich in den ideologischen Grabenkämpfen des 20. Jahrhunderts eher als Pragmatiker und Realisten erwiesen. Das »Prinzip Erfahrung« spielte bei ihnen immer eine große Rolle und bewahrte sie davor, irrealen Zielen hinterher zu jagen. Die bodenständigen Unterhaltungskünstler »Marx Brothers« beeindruckten die Amerikaner zweifellos mehr als der weltfremde Utopist Karl Marx. Doch bedeutet dies gewiß keine Absage an Ideen und Ideale. Auch die unantastbare Würde der Person war zunächst eine Idee, bevor daraus konkrete Verfassungsgebote resultierten. Historisch bewährte und dem Menschen dienende Ideen stehen bei den Angelsachsen hoch im Kurs. Wenig Glauben findet der Glaubenssatz von Karl Marx »Das Sein bestimmt das Bewußtsein«. Vor allem Amerikaner neigen zur Ansicht, daß weit häufiger – genau umgekehrt – das Bewußtsein das Sein bestimmt.

    Über die Macht der Ideen schrieb Lord Keynes in seinem Buch General Theory on employment, Interest and Money: »Die Ideen der Wirtschaftswissenschaftler und politischen Philosophen sind mächtiger als man gemeinhin annimmt.« Keynes' Beobachtung findet – wie vor allem Jan van Houten in seinen EPOCHE-Beiträgen und als Redner auf EPOCHE- Seminaren eindrucksvoll belegte – in der Geschichte des amerikanischen Nachkriegskonservatismus ihre Bestätigung. Die konservative Bewegung in den USA hat als geistige Strömung begonnen. 1955 und 1957 wurden die ersten Zeitschriften gegründet; und erst Anfang der sechziger Jahre wurde ernsthaft der politische Kampf aufgenommen, der nach einigen Anläufen schließlich zu Reagans Triumph von 1980 führte.

    Amerikanische Konservative sind davon überzeugt, daß Geschichte ein vom menschlichen Geist bestimmter Prozeß ist. Deshalb hat Ronald Reagan auf einer Siegesfeier wenige Wochen nach seinem Amtsantritt betont, daß das Wahlergebnis von November 1980 »ein Sieg von Ideen war – nicht so sehr der Sieg eines Mannes oder einer Partei als vielmehr ein Sieg einer Anzahl von Prinzipien«. Nachdem Reagan kurz überlegte, welche Personen und Institutionen zu seinem Erfolg beigetragen hatten, nannte er – neben Barry Goldwater und den Zeitschriften Human Events und National Review – die Namen der konservativen Intellektuellen Russell Kirk, Friedrich August von Hayek, Henry Hazlitt, Milton Friedman, James Burnham, Ludwig von Mises, Frank Meyer und Whittaker Chambers. Zwei von ihnen stammen aus Mitteleuropa: die in Amerika einflußreichen Nationalökonomen Mises und Hayek.

    Der niederländische Publizist Jan van Houten – Freund und Autor der EPOCHE – hat in überaus verdienstvoller Weise Kontakte zwischen amerikanischen und europäischen Konservativen geknüpft. Er verbrachte selbst einige Jahre in den USA und erforschte unter anderem die Entstehung und den Aufstieg der Conservative Movement in der Zeit vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Einzug Reagans ins Weiße Haus. Ich darf mich, was das Faktengerüst meiner folgenden Ausführungen anbelangt, auf seine Recherchen stützen. Anfangs war die konservative Erneuerung das Werk von einigen Professoren, Schriftstellern und Journalisten. Zuerst wurde das geistige Fundament gelegt. Es entstanden Bücher, die heute zum geistigen Rüstzeug der Konservativen gehören. Im September 1944 wurde Friedrich August von Hayeks grundlegendes Werk Der Weg zur Knechtschaft in den Vereinigten Staaten veröffentlicht. Das Buch, in dem Hayek die These verficht, daß Sozialismus und Freiheit unvereinbar sind, entfaltete große Wirkung. Eine Kurzfassung erschien in Reader's Digest und wurde vom The-Book-of-the-Month-Club in mehr als einer Million Exemplaren vertrieben. 1948 veröffentlichte ein junger Professor für Anglistik in Chicago namens Richard M. Weaver ein Buch, das ihm vom Yale-Politologen Willmoore Kendall die Ernennung zum »Spielführer der anti-linksliberalen Mannschaft« eintrug. Sein Titel Ideen haben Konsequenzen wurde zum Waffenspruch der amerikanischen Konservativen. Weaver warnte, eine Erosion der aus der christlichen Tradition geschaffenen tragenden Säulen unserer Gesellschaft könne zur Auflösung des Westens führen. Ähnlich argumentierten James Burnham und andere konservative Autoren.

    1953 gelang Russell Kirk mit dem Buch The Conservative Mind ein großer Wurf. Nach dem Lob in der New York Times wurde das Werk auch in den anderen führenden Zeitschriften und Zeitungen des Landes lebhaft und meist wohlwollend diskutiert. Das Nachrichtenmagazin Time widmete am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, seinen ganzen Buchbesprechungsteil dem Werk des damals 34-jährigen Historikers aus Mecosta/Michigan. Das Buch ist eine brillante Darlegung der konservativen Tradition in Großbritannien und den USA – von Edmund Burke am Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Kirk gab den amerikanischen Konservativen Identität, Selbstbewußtsein und Mut. Der Historiker Stephen Tonsor behauptete sogar, daß mit der Veröffentlichung von Kirks Werk der Anfang vom Ende der linksliberalen Vorherrschaft eingeläutet worden sei. Einen wichtigen Beitrag beim Aufbrechen des linksliberalen Monopols im kulturellen Bereich lieferte dabei die Zeitschrift Modern Age, die von Russell Kirk und dem Verleger Henry Regnery gegründet wurde. 

    Bill Buckley, ein junger Konservativer, traf damals meinen späteren Lehrmeister William S. Schlamm, dessen Schreibstil einem geistigen Skalpell glich. Schlamm motivierte den Millionär Buckley, eine konservative Wochenzeitung zu gründen. Am 19. November 1955 erschien die erste Ausgabe der National Review, die es – wie es in einem Leitartikel hieß – als ihre Aufgabe ansah, sich quer zur Geschichte zu legen und laut »Stop« zu schreien. Bill Buckley trug viel zum Erfolg der amerikanischen Konservativen bei. Er ist Chefredakteur, Zeitungskolumnist, Star vieler Fernsehsendungen und Autor von rund dreißig Büchern. Im September 1960 wurde auf Buckleys Familiengut in Sharon/Connecticut die Jugendorganisation Young Americans for Freedom aus der Taufe gehoben. Die Zeit der politischen Zurückhaltung der konservativen Bewegung war endgültig vorüber. Ziel der Young Americans for Freedom war die Mobilisierung der Jugend für die konservativen Ziele. Aus der ersten Ausgabe ihrer Zeitschrift New Guard geht klar hervor, was diese Jugend bewegte: »Uns ist sterbensübel von Kollektivismus, Sozialismus und anderen Utopien.« Die Aktionen der ersten Jahre standen im Zeichen des Kampfes für die Präsidentschaft von Barry Goldwater. Dieser Senator aus Arizona hatte sich am Ende der fünfziger Jahre allmählich zum Sprecher der Konservativen innerhalb der Republikanischen Partei entwickelt. 1960 schrieb er unter Mithilfe von L. Brent Bozell das Buch The Conscience of a Conservative, das eine Auflage von mehr als dreieinhalb Millionen erreichte. Der Verfasser wurde schlagartig zu einer nationalen Figur und zum politischen Hoffnungsträger. Daß Barry Goldwater zum Präsidentschaftskandidaten gekürt wurde, war der erste große politische Erfolg der konservativen Bewegung. Während ihrer Kampagne für Goldwater konnten die Young Americans for Freedom Tausende von neuen Mitgliedern gewinnen. Die Begeisterung großer Teile der Jugend für den Konservatismus blieb nicht ohne Wirkung auf das linksliberale Establishment, das sich gezwungen sah, sich von einem seiner Lieblingsklischees zu verabschieden. Und zwar von dem, daß die Jugend der Linken gehöre.

    Die Wahlniederlage Barry Goldwaters war paradoxerweise ein wichtiger Schritt zum Sieg konservativen Bewegung. Mit der Nominierung Goldwaters war es ihr gelungen, die Kontrolle über die Republikanische Partei in die Hand zu bekommen. Ein zweiter Gewinn war das Auftreten von Ronald Reagan, der am Vorabend der Wahl seine Begabung als politischer Redner zum ersten Mal auf nationaler Ebene – in einer von Küste zu Küste ausgestrahlten Fernsehansprache – unter Beweis stellte. 1966 wurde er in Kalifornien, dem bevölkerungsreichsten Staat der USA, mit großer Mehrheit zum Gouverneur gewählt – was bewies, daß Konservative mit ihren Ideen auch mehrheitsfähig waren. Wie Jan van Houten hervorhebt, lag das wichtigste Ergebnis der Goldwater-Wahlkampagne darin, daß sie die Konservativen des Landes miteinander bekannt gemacht hat. Ihre Wirkung, ihren Einfluß entfalteten die Konservativen innerhalb einer etablierten politischen Partei – die sich Grand Old Party nennt – und nicht in unfruchtbarem Terrain außerhalb der etablierten Parteienlandschaft. Die Conservative Movement war und ist eine erfolgreiche geistige Bewegung.

    In den siebziger Jahren stießen »neo-konservative« Intellektuelle hinzu. Nach Irving Kristol ist der Neo-Konservative ein ehemals Linker, der von der Realität überwältigt wurde. Auch dies begann, wie so oft, mit einer Zeitschrift. 1965 gründete Irving Kristol The Public Interest mit dem Ziel, das politische Denken in Amerika von Utopien zu befreien. Kristol und sein aus namhaften Sozialwissenschaftlern bestehender Kreis von Mitarbeitern meinte, dieses Ziel am besten durch kritische Begleitung der Reformpläne der Regierung erreichen zu können. Das Ergebnis war, daß einige Grundwahrheiten sozialwissenschaftlich untermauert wurden. Zum Beispiel die, daß gute Absichten keine guten Ergebnisse garantieren und daß große Pläne in der Regel noch größere Risiken mit sich bringen und oft unvorhergesehene, unerwünschte Folgen haben. Daß der Wohlfahrtsstaat zu negativen Veränderungen des Verhaltens führt, zum Sozialmißbrauch verleitet und schließlich Menschen hervorbringt, die verlernen, zu arbeiten, war eine Erkenntnis von erheblicher Tragweite. Sie löste – viel später freilich – Kurskorrekturen in der Sozialpolitik aus. Seit 1994 bemüht sich die konservativ-republikanische Mehrheit im Kongreß, Sozialleistungen auf die tatsächlich Hilfsbedürftigen zu konzentrieren. Wer arbeitsfähig ist, bekommt berufliche Qualifikationen angeboten. Und wenn er für Familienangehörige zu sorgen hat, stehen ihm in einigen Staaten der USA jährlich 24.000 Dollar zu – eine Garantie, die freilich daran gebunden ist, daß er arbeitet. Nimmt er also beispielsweise einen Billiglohnjob an, bei dem er weniger verdient, zahlt ihm der Staat die Differenz per »negativer Einkommensteuer« (Kombi-Lohn). Der Wirtschaft ist damit ebenso geholfen wie dem Empfänger eines solchen staatlichen Zuschusses. Amerika beweist, daß sich auf diesem Weg Arbeitskräfte-Reserven mobilisieren und die Erwerbslosenzahlen senken lassen. Die gedankliche Vorarbeit für den neuen Kurs wurde seit den siebziger Jahren geleistet. Die Praxis zeigt heute, daß die Theorie richtig war.

    Daß nur eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik jene Ressourcen schafft, die zur Lösung sozialer Probleme benötigt werden, war den meisten Amerikanern stets klar. Die politisch Denkenden sahen in der breiten Streuung von Privateigentum – im »Volkskapitalismus«, wie ihn auch die britischen Konservativen propagierten – zugleich ein Mittel zur Immunisierung gegen sozialistische Ideen.

    Solange die Sowjetunion existierte, war dies weit mehr als eine Frage der Wirtschafts- und Sozialpolitik und des inneren Friedens. Die Konservativen in den USA setzten sich für die Stärkung der militärischen Macht des Westens ein, um auch dem kommunistischen Druck von außen erfolgreich begegnen zu können. Als Mitte der siebziger Jahre die Entspannungspolitik in Mode war und viele Amerikaner meinten, man könne den Verteidigungshaushalt kürzen und das weltweite Engagement der USA reduzieren, gründeten Neo-Konservative das Committee on the Present Danger. Sein Ziel war es, über die gefährliche Verschiebung des militärischen Gleichgewichts zugunsten der Sowjetunion und den unverminderten kommunistischen Expansionsdrang aufzuklären. Ab 1981 konnten führende Mitglieder dieses Vereins wie Reagan, Shultz, Jeane Kirkpatrick, Eugene Rostow und Paul Nitze ihre Sitzungen im Weißen Haus abhalten. 1980 gründeten prominente Neo-Konservative mit ausländischen Gesinnungsgenossen das Committee for the Free World, das sich dafür einsetzte, dem ideologischen Angriff auf die Freie Welt offensiv zu begegnen. Der damalige Münchener Universitätspräsident Nikolaus Lobkowicz zählte zu den prominentesten Mitstreitern in dieser geistigen Phalanx.

    Die für jede politische Aktion notwendige »Kriegskasse« darf nicht vergessen werden. 1964 begab sich der Jung-Konservative Richard Viguerie zum Repräsentantenhaus, um die dort verwahrte Liste mit den 12.500 Namen derer, die mehr als 50 Dollar für die Goldwater-Wahlkampagne gespendet hatten, abzuschreiben. 1965 gründete er dann mit einem Mitarbeiter seine eigene Postversandfirma. 1980 hatte er mehr als 250 Mitarbeiter und verfügte über die Namen von mehr als viereinhalb Millionen Amerikanern, die nicht nur konservativ wählten, sondern auch bereit waren, Geld zu geben. Im selben Jahr 1980 hatten die Konservativen Amerikas in Ronald Reagan einen Präsidentschaftskandidaten, der nicht nur von all ihren Flügeln – den Liberalkonservativen, den Traditionalisten, den kämpferischen Antikommunisten und den Neo-Konservativen – begeistert unterstützt wurde, sondern der es auch vermochte, durch sein gewinnendes Wesen Wählermassen zu mobilisieren. Die nichtlinke Mehrheit in Deutschland, die häufig oft als »schweigende Mehrheit« in Passivität verharrt, kann von dieser Erfolgsgeschichte lernen.

    George W. Bush würdigte Leben und Werk Kirks. George W. Bush ehrt mit Russell Kirk einen Vordenker der Konservativen, von dem er weiß, daß er einen Teil jener geistigen Vorarbeit geleistet hat, die notwendig war, um ihm – wie zuvor Ronald Reagan und Bush senior – den Weg ins Weiße Haus zu ebnen. Anders als vor den beiden Weltkriegen stimmen heute die Grundlinien konservativen Denkens in den USA und in Deutschland weitgehend überein. Hilfreich war dabei die Akzeptanz des auch von der Aufklärung und vom Humanismus geprägten Freiheitsbegriffes in den Reihen der christlichen Kirchen in Deutschland. An vorderster Stelle der konservativen Prinzipien steht heute – auf beiden Seiten des Atlantiks – die Freiheit als das höchste irdische Gut des Menschen. Die Freiheit wird von der Würde des Menschen getragen und sie wird begrenzt durch Gesetze, die diese Würde zugleich schützen. Das christlich-humanistische Ideal – wie es auch Thomas Goppel in seiner Interpretation des Begriffs Leitkultur verficht – ich darf auf EPOCHE  146 verweisen –, sieht in jedem Menschen den Träger einer unverzichtbaren und unverlierbaren Würde, die durch nichts und von niemandem geleugnet oder mißachtet werden darf. Thomas Goppel und Russell Kirk stimmen darin überein. Dies gilt auch für die konservative Leitlinie, nicht zu hängen an dem, was gestern war, sondern zu leben in dem, was immer gilt. Konservative Geisteshaltung ist die Grundhaltung all jener, die sich mit der Schöpfung und der überlieferten Wertordnung des Abendlandes in tiefem Einverständnis wissen. Des christlichen Ursprungs dieser Wertordnung, wie sie zuletzt Rudolf Graf Czernin in der EPOCHE beschrieben hat, waren sich die drei Gründerväter des europäischen Einigungsprozesses – Konrad Adenauer, Robert Schuman und Alcide De Gasperi – noch bewußt. Die Europäische Gemeinschaft verfügte daher zum Zeitpunkt ihrer Gründung über ein geistiges Fundament. Davon ist heute freilich wenig übriggeblieben.

    In der Anti-Österreich-Kampagne im Jahr 2000 wurde zwar gelegentlich von »Werten der EU« gesprochen. Doch das war geheuchelt. Es ging in Wahrheit um schäbige politische Ziele. Fast alle Länder der EU wurden von sozialdemokratischen Regierungschefs geführt. Es galt geradezu als »unanständig«, sich nicht von Roten regieren zu lassen. Alle »anständigen Deutschen« sind nach dieser Lesart ja bekanntlich für Schröder und seinen in Straßenschlachten gegen die Staatsgewalt versierten Außenminister. Die Akzeptanz einer Mitte-Rechts-Regierung kam somit aus ideologischen Gründen nicht in Frage; überdies mußte man fürchten, daß das Beispiel Schule macht und den Anfang vom Ende des sozialdemokratischen Zeitalters markiert. Seit der Wahl in Italien wissen wir immerhin, daß diese Befürchtung der Linken begründet war.

    Ein weiterer Hintergrund der Anti-Österreich-Hetze war in der französischen Ostpolitik zu suchen. Schon die deutsche Wiedervereinigung, die Mitterrand im Dezember 1989 durch Abschluß eines Fünf-Jahres-Vertrages mit der DDR hinauszuzögern versuchte, engte den Spielraum der französischen Außenpolitik ein. Der Beitritt ostmitteleuropäischer Staaten – die traditionell zum Einflußbereich der wirtschaftlich starken Deutschen zählen – würde diesen Effekt verstärken. Alles, was französische Politiker öffentlich hierzu sagen, ist bewußte Irreführung der Öffentlichkeit. Chirac versichert, Frankreich sei »immer« schon für das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen eingetreten und »wünsche« heute die Ausdehnung der Europäischen Union nach Osten. Das sind Nebelkerzen. In Wahrheit hat Chirac gehofft, mit seiner Sanktionspolitik gegen Österreich einiges in seinem Sinne bewegen zu können: erstens eine Schwächung des »deutschen Blocks«, der in Sachen Euro die harte Stabilitätspolitik von Deutscher Bundesbank und Österreichischer Nationalbank fortsetzen möchte; zweitens die Zurückdrängung des Anspruchs, Deutsch als dritte Arbeitssprache der EU anzuerkennen; und drittens das Induzieren von Störfeldern gegen die Osterweiterung – bis hin zur Hoffnung, die Österreicher würden, wenn man sie nur lange genug schikaniert, von ihrem Veto-Recht Gebrauch machen, die Osterweiterung blockieren oder der EU ganz den Rücken kehren.

    Frankreich hat viel von europäischer Integration gesprochen, so lange es darum ging, den deutschen Gulliver mit europäischen Schnüren zu fesseln. Geschäftsgrundlage war freilich, daß Deutschland den französischen Führungsanspruch in der EU akzeptiert. Seit in Paris der Eindruck vorherrscht, daß die Deutschen allmählich von der französischen Fahne weichen, wird der Nationalstaat wiederentdeckt: »Weder Sie Deutsche noch wir Franzosen wollen einen europäischen Superstaat, der an die Stelle unserer Nationalstaaten treten würde«, rief Chirac im Vorjahr in seiner Berliner Rede aus.

    Supranationalen Institutionen steht das neue Frankreich ablehnend gegenüber. Zum Grundcharakter der janusköpfigen Europapolitik gehört, daß Paris zwar gerne daran mitwirkt, Mehrheiten für die Durchsetzung französischer Ziele zu organisieren, aber die Kehrseite der Medaille – die Möglichkeit, daß Frankreich von anderen Mitgliedstaaten der EU überstimmt werden könnte – strikt ablehnt. Seit Nizza ist offenkundig: Eine Ausweitung der Mehrheitsentscheidungen auf der europäischen Ebene wird immer unwahrscheinlicher. Wenn es im Verlauf dieses Jahrzehnts zur Aufnahme neuer Mitglieder kommt, kann erst recht nicht vom Konsensprinzip abgerückt werden: Einerseits wollen sich die Völker im Osten, die gerade erst dem Totalitarismus entronnen sind, nicht dem Diktat der alteingesessenen EU-Mitglieder – oder gar eines »Brüsseler Zentralkomitees« – unterwerfen; andererseits denken die Franzosen nicht im Traum daran, ihre eigenen Interessen einer unberechenbaren Mehrheit im europäischen Staatenbund unterzuordnen.

    Die politische Klasse Frankreichs liebt große Dimensionen. Die Franzosen, meinte Ludwig XVIII., stünden an der Spitze der Kultur und Zivilisation der Welt. Knapp zwei Jahrhunderte später sprach Präsident Chirac Klartext gegenüber seinen Landsleuten: »Frankreich ist eine Macht, die den Niedergang verweigert«. Frankreich fühlt sich – das ist die Botschaft des Präsidenten – immer noch als Großmacht. Als Chiracs Vorbild Charles de Gaulle am Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Kamingespräch seinen erstaunten Zuhörern verkündete, man solle den Vertrag von Verdun rückgängig machen und die »Westfranken« und »Ostfranken« – gemeint waren die Franzosen und die Deutschen – wieder zusammenführen, war den wenigsten klar, was der langbeinige General im Sinn hatte. Otto von Habsburg berichtete über diese denkwürdige Runde. Ein Universalgelehrter wie er wußte natürlich, daß de Gaulle an jenen Vertrag von 843 dachte, durch den das Reich Karls des Großen aufgeteilt wurde. Die Zeitspanne, die er im Auge hatte, umfaßte weit mehr als ein Jahrtausend.

    Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier hatte zwei Jahrzehnte nach diesem bedeutungsschwangeren Kamingespräch Gelegenheit, die Nagelprobe zu machen. Noch während der Amtszeit von Konrad Adenauer deutete Präsident de Gaulle die Möglichkeit einer deutschen Teilhabe an der französischen Nuklearstreitmacht an. Der Kanzler sandte daraufhin Gerstenmaier nach Paris – mit dem Auftrag, im persönlichen Gespräch von de Gaulle zu erfahren, wie die Zusammenarbeit konkret aussehen könnte. Wenig überraschend war zunächst von einem französischen Raketenleitsystem auf deutschem Boden und von finanziellen Beteiligungen der Deutschen an französischen Rüstungsvorhaben die Rede. Als Gerstenmaier jedoch die wichtigste Frage stellte – nämlich die nach einer deutschen Mitwirkung in der Kommandostruktur –, brach de Gaulle das Gespräch ab. Sein Gesamtverhalten verriet, wie mir Gerstenmaier erzählte, daß er es geradezu als Zumutung empfand, von den  – 1945 besiegten und durch den Nationalsozialismus diskreditierten – Deutschen mit einem solch unsittlichen Antrag behelligt zu werden. Nur der makellose Präsident der Französischen Republik schien befugt zu sein, für die »Ostfranken« und »Westfranken« gleichermaßen zu sprechen und Entscheidungen zu treffen. Die Deutschen – mit dem Stigma der braunen Untaten – sollten sich gefälligst unterordnen.

    Die Bereitschaft, sich so zu verhalten, läßt indessen nach. Es ist im internationalen Vergleich allzu offenkundig, daß außerhalb Deutschlands niemand auf die Idee kommt, ein Stück Geschichte für politische oder finanzielle Zwecke der Gegenwart mißbrauchen zu lassen. Für Russen, Chinesen, Franzosen, Briten, Niederländer, Polen, Tschechen oder Türken ist es selbstverständlich, daß sie jeden Versuch von außen, auf blutige Kapitel ihrer Geschichte hinzuweisen, als Affront schärfstens zurückweisen. Wie bei allen anderen Völkern wird auch bei den Deutschen der natürliche – fast naturgesetzliche – Prozeß der Historisierung des Vergangenen langsam weiter voranschreiten. Daß deutsche Massenmedien dabei oft nur ihre Redaktionsmeinungen kennen – nicht aber die Volksmeinung –, zählt zu den Perversionen unserer Zeit. Die Mehrheit des Volkes denkt in diesen Fragen völlig anders als die zu drei Viertel links von der Mitte angesiedelten Journalisten. Die mit »Political Correctness« verbundenen Denkverbote und Tabus erzeugen ein verzerrtes Bild. Wie auf keinem anderen Gebiet klaffen bei der Vergangenheitsbewältigung veröffentlichte Meinung und tatsächliche öffentliche Meinung auseinander.

    Die konservative Publizistik in Deutschland versteht sich auch als Stimmverstärker der Volksmeinung. Der Souverän der Demokratie ist das Volk, das nicht länger zum Erziehungsobjekt selbsternannter linker »Volkspädagogen« degradiert werden will. Die schweigende Mehrheit wünscht die Rückkehr zur Normalität, also das Ende des deutschen Schuldkults mit seinen Betroffenheitsritualen und massenmedial inszenierten Bußkrämpfen. Anna Rau, Tochter des Bundespräsidenten, schilderte Anfang Februar 2001 gegenüber der Zeitschrift Max ihre – für eine ganze Generation junger Leute typischen – Empfindungen: »Ja, der Zweite Weltkrieg nervt mich extrem. Immer dasselbe. Man fängt an mit Hitler und dem rosa Kaninchen, dann kommt Anne Frank, dann schaut man Schindlers Liste am Wandertag. Im Konfirmanden-Unterricht nimmt man den Holocaust durch und die Geschichte sowieso. Man könnte fast sagen, man spricht in allen Fächern darüber. Da stumpft man irgendwie ab. Das ist einfach zuviel.«

    Die professionellen Vergangenheitsbewältiger stecken offenkundig in der Sackgasse. Die Schraube ist überdreht. Alfred Dregger hat in einer Rede im Juni 1983 an der Winfriedschule in Fulda – aus Anlaß des Schulabschlusses seines jüngsten Sohnes – die Relationen ins rechte Licht gerückt. Er wies darauf hin, daß die Zeremonienmeister des Schuldkults ihre Scheinwerfer auf nur ein Prozent der deutschen Historie richten und 99 Prozent unterschlagen: »Die Geschichte unseres Volkes umfaßt nicht nur zwölf, sondern 1.200 Jahre. Sie begann nicht mit Hitler und sie führte auch nicht notwendig auf ihn hin. Vor Hitler war Bismarck und nach Hitler war Adenauer. Wie die Geschichte anderer Völker umfaßt auch die unsere Höhen und Tiefen.«

    Der vergleichende Hinweis – »wie die Geschichte anderer Völker...« – läßt sich nicht vermeiden. Denn die vorherrschende Richtung der deutschen Massenmedien übt sich in der Kunst des Weglassens. Sie läßt unerwähnt, daß die Opferzahlen im kommunistischen China und in Sowjet-Rußland höher lagen als im nationalsozialistischen Deutschland, daß die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) von den Nachfahren der britischen Sklavenjäger Entschädigungen für 35 Millionen Ermordete fordert, daß heute weniger als ein halbes Prozent der Einwohner der USA Indianer sind – vor der Landung der Briten, Franzosen und Spanier an den nordamerikanischen Küsten waren es 100 Prozent – und daß die Franzosen erst vor vier Jahrzehnten, als de Gaulle den Rückzug aus Afrika verfügte, damit aufhörten, Algerier abzuschlachten.

    Gewiß, Aufrechnung darf nicht sein. Das hat auch Anna Rau in der Schule gelernt. Dennoch ist es von Interesse, wie andere Völker mit den »Tiefen« ihrer Geschichte umgehen. Die Antwort ist einfach: sie neigen alle dazu, die dunklen Kapitel zu überblättern. Allein auf ihren »Höhen« fühlen sie sich wohl. Weltweit gibt es nur eine einzige Ausnahme von dieser Regel: Deutschland. Nun hat aber doch der grüne Außenminister Joseph alias »Joschka« Fischer bei seinem Amtsantritt in perfektem Engleutsch versichert, es werde »no German Sonderweg« geben. Mit Recht nahm er an, daß es für das eigene Land und für den Rest der Welt das beste sei, wenn die Deutschen zur Normalität finden – sich also in vergleichbaren Situationen ähnlich verhalten wie die anderen Völker des Kulturkreises.

    Wer »no German Sonderweg« will, müßte dem bei rot-grünen Intellektuellen verbreiteten deutschen Selbsthaß entgegenwirken und die einseitige zeitgeschichtliche Nabelschau beenden. Die Durchforstung der Vergangenheit der Wissenschaft zu überlassen, das Geschehene zu historisieren und seine mißbräuchliche Instrumentalisierung für politische oder finanzielle Zwecke zu unterbinden – das sind Schritte zur Normalität. Die meisten Menschen wissen oder ahnen dies schon lange. Sie sprechen es bloß selten offen aus. Der Konformitätsdruck, der von der vorherrschenden Richtung der Massenmedien ausgeht, macht sie stumm. Elisabeth Noelle-Neumann hat die Wirkungsweise der Schweigespirale treffend beschrieben. Diesen Bann zu brechen und als »Anwalt der schweigenden Mehrheit« eine politisch-publizistische Phalanx zu bilden, der eines Tages der Durchbruch gelingen kann, ist die wichtigste Aufgabe der kommenden Jahre. Es ist eine Aufgabe der konservativen Publizistik. Lassen Sie mich mit einer Thomas-Mann-Variation schließen: Ideen von heute sind Taten von morgen.

 

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